Pierre Brice auf dem Friedhof von Brignogan
Auf dem Friedhof von Brignogan liegt Jean Castel begraben. Der Mann, der Pierre Brice das Leben rettete, starb in seinen Armen während des Krieges.

Pierre Brice: ein Bretone, der Heimweh hat

Pierre Brice ist Winnetou, Winnetou ist Pierre Brice. So war es, so ist es und so wird es immer bleiben. Auch wenn die Zeit, in der er seinen Blick vom Starschnitt durch die Weite des Teenie-Kinderzimmers schweifen ließ vorbei ist, der Franzose hat sich in über 40 Jahren ein treues und stets nachwachsendes Publikum bewahrt.

Im September erschien seine Autobiografie "Winnetou und ich - Mein wahres Leben". "Eigentlich hätte sie auch ‚Der Mann hinter Winnetou' heißen können", lacht der charmante Schauspieler mit dem unverkennbaren Grübchen am Kinn. Denn Winnetou war ein wichtiger, doch nicht der einzige Teil seines Lebens. "Winnetou war für mich der wichtigste Punkt meiner Karriere. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich heute noch ein Publikum habe, das mich liebt und mich mittlerweile auch in anderen Rollen akzeptiert. Zum Beispiel, wenn ich im Theater auf der Bühne stehe." Doch wenn Pierre Brice zurückblickt, und das hat er für seine Autobiografie oft getan, dann stellt er fest, dass es viele Momente und Erlebnisse gab, die sein Leben geprägt habe. "Meine Autobiografie zu schreiben war manchmal schmerzhaft und voller Wehmut, manchmal aber auch sehr schön und heiter."
Pierre und Hella Brice in seiner alten Schule in Brest. Hier hat Pierre Brice im "Ring" so manchen Kampf mit Schulkameraden ausgetragen. Im Wildwasserboot kam das Wasser nicht nur von unten, sondern von allen Seiten. Hella versteckte sich unter Pierres Jacke.In Lorient ist das "Commando des Marins" stationiert. Bei ihnen durchlief Pierre Brice seine Ausbildung zum Elitesoldaten. Allerdings nicht in Frankreich, sondern in Algerien.
So empfand er auch, als er sich für ein ARD-Portrait zurück auf den Weg zu seinen Wurzeln machte. Zurück in das Haus mit der Nummer 40 in der Rue Victor Hugo in Brest. Seit Jahrzehnten ist er nicht mehr hier gewesen - seit er ein kleiner Junge war und von allen nur Pierrot oder Pierrick genannt wurde. Pierre Brice öffnet die Eingangstür und geht allein die Holztreppe hinauf zu der Wohnung, in der er geboren wurde. Er klingelt, ein Mann macht auf. Verstohlen versucht er, einen Blick in die Wohnung zu erhaschen. Dort, wo jetzt die Küche ist, erkennt er das alte Wohnzimmer.

Der Garten des Hinterhofes ist völlig zugewuchert. "Hier habe ich als Kind das Arbeiten mit Holz gelernt. Unser Concierge hatte genau da ein kleines Atelier." Und hier wuchs der Wunsch, einmal Architekt zu werden. Doch es sollte anders kommen, zum Glück für ihn und seine Fans - und für Karl May, denn Pierre Brice war es, der Winnetou eine Seele gab, wie es ein Professor einmal schrieb.
Spaziergang mit Ehefrau Hella durch ein Feld.Hier in der 40, rue Victor Hugo, wurde Pierre Brice am 6. Februar 1929 in einer stürmischen Nacht geboren. Nach 60 Jahren war Pierre Brice das erste Mal wieder an diesem Ort.Die Kirche St. Michel in Brest. Hier wurde Pierre Brice getauft und feierte seine Kommunion.
Nur ein paar Meter weiter um die Ecke steht die Kirche Mont St. Michel. Vorsichtig öffnet Pierre Brice die Tür und tritt herein. Er bekreuzigt sich und hält inne. "Viele Gedanken bewegen mich. In dieser Kirche wurde ich getauft. Meine Kommunion war hier." Der kleine Pierre hatte als Ministrant gedient - und somit seine ersten Erfahrungen mit Rotwein gesammelt, wenn der Priester mal nicht aufpasste. "Wir haben auch heimlich von den Oblaten genascht, es waren Brioches", erinnert er sich.

Die Reise führt ihn weiter an den Strand von Brignogan. Meter hohe Felsen trennen den Strand vom Ozean, in der Ferne brechen die Wellen. "Als kleiner Junge bin ich mit einem Freund hinaus aufs Meer gerudert. Wir waren verrückt, denn die See war stürmisch. Wir wären fast ertrunken, aber Dank eines Jungen, der uns gesehen hatte, wurden wir von einem Boot gerettet." Dieser Junge hieß Jean Castel. "Es war Schicksal. Wir gingen später zusammen zur Marine-Schule. Und bei einem Einsatz in Indochina ist er in meinen Armen gestorben." Er ruht auf dem Friedhof von Brignogan. Pierre Brice steht an seinem Grab und grüßt den alten Kameraden, dem er sein Leben verdankt.

Seine Ausbildung zum Marinefüselier absolvierte Pierre Brice in Algerien. Er war ein Elite-Soldat und kämpfte gegen den Kommunismus, der die körperliche und geistige Freiheit der Menschen unterdrückte. Als er den heutigen Standort der Marine-Schule in Ploemeur besichtigt, hat er sein grünes Barett dabei. Ein älterer Soldat marschiert auf ihn zu und reicht dem ehemaligen Maat le Bris die Hand. "Wenn Ihnen wirklich dieses grüne Barett gehört, müssen Sie ein ausgezeichneter Soldat gewesen sein." Pierre Brice setzt es auf, fast ist es ihm ein bisschen peinlich, doch er hat sich so sehr auf den Besuch gefreut.
Diese beiden Kostüme haben Pierre Brice' Leben geprägt: seine Uniform als Marinesoldat und das Winnetoukostüm. In der Marine-Schule traf Pierre Brice einen Soldaten, mit dem er über alte Zeiten sprach. Das grüne Barett, das Pierre Brice trägt, zeugt von Pierre Brice' Zeit bei der Elite-Einheit.Mit Mario Luraschi arbeitete Pierre Brice viele Jahre zusammen, die beiden sind noch immer eng befreundet.
Er redet lange mit dem Soldaten und erzählt von seinen Abenteuern und Einsätzen, die ihn mehr als einmal fast das Leben gekostet haben. "Meine Zeit beim Militär war die wichtigste in meinem Leben. Hier habe ich gelernt, was Kameradschaft und Disziplin bedeuten." Noch heute fühlt sich Pierre Brice als Soldat, "ich werde immer einer sein", sagt der glühende Gaullist bewegt.

Bis hierher keine Spur von Winnetou. "Ich habe Ihnen ja gesagt, dass er zwar ein wichtiger Teil meines Lebens war und ist, aber nicht mein einziger." Erst als er seinen Freund Mario Luraschi besucht und seine alten Pferde "Ramboso" und "Querido" begrüßt, gibt es eine Verbindung zu dem edlen Apachen-Häuptling. Beide lernten sich Ende der 70er Jahre bei den Dreharbeiten zur Fernsehserie "Mein Freund Winnetou" in Mexiko kennen. Seitdem sind sie dicke Freunde und haben auch bei den Karl-May-Festspielen in Elspe und später in Bad Segeberg zusammen gearbeitet "Mario ist ein echter Pferdeflüsterer, er spricht mit ihnen. Er versteht sie und sie verstehen ihn", schwärmt Pierre, der seit einem Unfall bei den Dreharbeiten zum ZDF-Zweiteiler "Winnetous Rückkehr" nicht mehr reitet.
Mario Luraschi ist der gefragteste Pferdedompteur Europas, sogar in Amerika ist er gefragt. Ihn und Pierre Brice verbindet eine langjährige Freundschaft. Die Schuhe von Obelix sind Pierre Brice wohl doch eine Nummer zu groß. Wer da wohl der Stärkere ist? Hella wollte schlichten.
Bevor es zurück nach Hause geht, macht Pierre Brice einen Abstecher in den Asterix-Park in der Nähe von Paris. Das letzte Mal war er mit seinen beiden Nichten Gabsy und Carina vor ein paar Jahren hier. Bevor Pierre Brice das erste Karussell betreten kann, wird er von einem tschechischen Fan erkannt. "Winnetou! Winnetou" ruft er durch den Park und verdrückt eine Träne, als er seine Kinder mit seinem Star fotografiert. Auch Ehefrau Hella bekommt eine herzliche Umarmung ab. Seit 23 Jahren ist sie mit Winnetou verheiratet, seitdem sind die beiden so gut wie nie getrennt. "Sie ist die Frau meines Lebens", stand für den begehrten Junggesellen damals sofort fest. "Und daran hat sich bis heute nichts geändert." Sie leben zusammen auf einem Landsitz nördlich von Paris, zusammen mit drei Hunden, drei Schafen und einem Hängebauchschwein.

Hier hat Pierre Brice seine Memoiren geschrieben, Wort für Wort mit der Hand. "Ich habe alles noch einmal durchlebt. Schöne, traurige und gefährliche Momente", sagt er und blickt an die Wand, an der die beiden Kostüme hängen, die sein Leben verändert haben. Das eine ist die hirschlederne Jacke, die jeder kennt. Das andere ist die Uniform, die Pierre Brice als unbekannter Soldat trug. "Ich freue mich, meinem Publikum eine Seite von mir zu zeigen, die es noch nicht kannte. Ich hoffe, es mag den Mann hinter Winnetou."
Der Mann hinter Winnetou. Pierre Brice mit seinen Auszeichnugen, die er Winnetou zu verdanken hat. In seiner alten Schule kam wieder das Kind Pierre le Bris im Manne Pierre Brice durch.Pierre und Hella Brice am Strand von Brignogan. Hier verlor er als Jugendlicher fast sein Leben. Seitdem betet er regelmäßig jeden Abend.

© by Thomas Claaßen