Pierre Brice auf dem Friedhof
Pierre Brice und die Kinder
Pierre Brice schaut in einen Kochtopf
Pierre Brice im Camp
Pierre Brice im zerstörten Krankenhaus
Chaos in der Kinderklinik
Fotos: © Thomas Claaßen, 2005
Pierre Brice: Kinderklinik in Sri Lanka
Pierre Brice: Anti-Landminen-Projekt
Für den Spendenmarathon von RTL übernahm Pierre Brice die Patenschaft für ein Hilfsprojekt auf Sri Lanka

"Ich sehe das Meer jetzt mit
anderen Augen"

Es war wirklich kein schöner Anblick, der sich Pierre Brice bot: auf der einen Seite zerstörte Häuser, Flüchtlingszelte, Gräber - auf der anderen Seite das Meer mit seinen drei bis vier Meter hohen Wellen und einer ohrenbetäubenden Brandung, das so vielen Menschen den Tod brachte. Mehr als 30.000 Menschen ließen allein auf Sri Lanka durch den Tsunami an Weihnachten letzten Jahres ihr Leben. Als der Fernsehsender RTL bei Pierre Brice anfragte, ob er die Patenschaft für ein privates Kinder-Hilfsprojekt auf Sri Lanka übernehmen wolle, sagte er sofort zu. Im Sommer reiste er mit einem TV-Team nach Galle im Süden Sri Lankas, wo der Tsunami mit voller Wucht zugeschlagen hatte.

Schon vor vielen Jahren hat TV-Journalist Michael Kreitmeir die Zelte in seiner Heimat Deutschland weitgehend abgebrochen und lebt seitdem auf Sri Lanka, wo er sein Hilfsprojekt "Little Smile" ins Leben rief. Er baute Häuser und Zentren für Kinder, die im Bürgerkrieg, der besonders im Osten den Landes noch immer herrscht, ein oder beide Elternteile verloren haben, um ihnen eine Ausbildung und somit eine Zukunft zu ermöglichen. Viele der Kinder, die er aufgenommen hat, haben in ihren Familien Misshandlungen erlebt oder sind geflohen, um nicht als Kindersoldaten im Bürgerkrieg zu sterben. Mit seinem Hilfsprojekt hat sich Michael Kreitmeir nicht nur Freunde gemacht. Schon mehrfach wurde er von Rebellen angegriffen. Der Tsunami hat viele Todesopfer gefordert. Viele Kinder, die zu Waisen wurden, kamen in die Little-Smile-Zentren. Um diese und die anderen Kinder bestmöglich zu betreuen, soll jetzt ein neues Krankenhaus gebaut werden, in dem die Kinder nicht nur medizinisch, sondern vor allem auch psychisch betreut werden. Unterstützt wird dieses private Hilfsprojekt Michael Kreitmeirs von der UNESCO. Mittlerweile haben andere grauenvolle Katastrophen wie das Erdbeben in Pakistan die Bilder in den Köpfen der Menschen ersetzt. Trotzdem dürfen die Kinder Sri Lankas nicht vergessen werden. Viel Geld ist schon geflossen, teilweise warten die Leute noch immer darauf, dass sie es erhalten. Doch das Little-Smile-Projekt ist ein privates Hilfsprojekt, und die Gelder werden nicht durch die Regierung geschleust - sie landen direkt dort, wo sie benötigt werden.

Als Pierre Brice in Galle ankam, herrschte dort tags wie nachts eine Temperatur von 30 - 35°C und eine nahezu erdrückende Luftfeuchtigkeit. Mehr als 85.000 Gebäude wurden durch den Tsunami zerstört, die Trümmer waren noch immer zu sehen. Besonders im Osten des Landes wird es lange dauern, bis dort wieder alles aufgebaut wird, wenn dies überhaupt möglich ist. Durch die Bürgerkriegsgefahr und Rebellen ist es schwierig, Arbeitskräfte für diese Region zu finden. Pro Jahr können nur 3.000 bis maximal 5.000 Häuser wieder neu aufgebaut werden - die elenden Zustände in den Zeltstädten werden also noch lange anhalten. Auch ein Krankenhaus in Galle wurde komplett zerstört. Pierre Brice besuchte das Krankenhaus, das dem Tsunami Stand gehalten hatte und jetzt für den gesamten Süden Anlaufstelle für die Kranken des Landes war. Vor dem Eingang wartete eine 100 Meter lange Menschenschlange auf Einlass. Für Mütter mit Kindern gab es einen separaten Eingang, doch auch dort drängelten sich die Massen. "Die Zustände in dem Krankenhaus sind katastrophal", beschreibt Pierre Brice seine Eindrücke. "Es ist so heiß da drinnen, es gibt keine wirkliche Hygiene. Es gibt keine Krankenzimmer, alle Betten stehen auf den Fluren, und die Mütter sitzen auf einer Bank neben dem Bett ihres Kindes und schlafen dort auch. Es ist furchtbar." Viele der Kinder, die Pierre Brice gesehen hat, waren sterbenskrank.

Am Strand wurde die Macht der Flutwelle an einem alten Kriegsschiff deutlich, das aus dem Wasser ca. 100 Meter aufs Land getragen wurde. Nach dem Tsunami waren die Boote der Fischer zerstört, sie konnten nicht aufs Meer fahren. Nachdem die ersten Hilfsgelder geflossen waren, haben sich viele Menschen ein Boot gekauft; auch die, die sonst angeheuert hatten, fahren jetzt selbst zum Fischen hinaus. Es droht eine Überfischung. Ein Fischer verdient umgerechnet, wenn es gut läuft, 2 € am Tag. Das reicht gerade, um eine Person zu ernähren - nicht aber eine Familie. Unglaublich viele Menschen sind ohne Obdach, viele leben in Zeltstädten. Oder besser: sie vegetieren. In den Zelten herrschen Temperaturen von 50 bis 60°C, es ist nahezu unmöglich, dort zu atmen. Als Pierre Brice unter den Kindern Fußbälle und Stoff-Frisbeescheiben verteilte und mit ihnen spielte, war die Freude der Kinder groß, die wenig Gelegenheiten haben, sich abzulenken.

Auf dem Weg zu einem kleinen Mädchen fuhr Pierre Brice an zahllosen Gräbern am Straßenrand vorbei. Viele waren anonym. Nicht alle Opfer konnten identifiziert werden, sie wurden in Massengräbern verscharrt, die jetzt teilweise als Mülldeponien genutzt werden. Auf einem Friedhof, rund 400 Meter vom Strand entfernt, waren mehrere Opfer begraben, die durch den Tsunami oder dessen Folgen ihr Leben verloren haben. Auf der Spitze eines Hügels hat die Familie von der 13-jährigen Miami ihr Haus. Es wurde von "Little Smile" neu gebaut, nachdem ihr altes Haus vom Tsunami zerstört wurde. Miami musste mit ansehen, wie ihr die Flutwelle den Vater nahm. Sie war traumatisiert. Erst ein gutes halbes Jahr später begann sie wieder ganz allmählich zu sprechen. Es war ein ergreifendes Zusammentreffen für Pierre Brice.

"Im Zentrum von Michael Kreitmeir habe ich viele Bilder gesehen, die Kinder gemalt haben, um das Unglück zu verarbeiten. Sie haben das Meer gemalt und Menschen ohne Gesichter: Geister, ihre toten Eltern. Diese Eindrücke haben mich tief bewegt. Es ist wichtig, dass Michael Kreitmeir sein neues Zentrum bauen kann, damit diesen Kindern geholfen werden kann und sie nicht vor einer ausweglosen Zukunft stehen." So schön auch einzelne Strandabschnitte anzusehen waren: "Man sieht das Meer jetzt mit ganz anderen Augen. Die Brandung ist jetzt schon so stark. Die Macht des Tsunamis muss enorm gewesen sein", sagt Pierre Brice mit einem nachdenklichen Blick aufs Meer. "Ich werde diese Bilder nie in meinem Leben vergessen."