Wilder Westen à la ElspeDas Auftreten von Film-Winnetou Pierre Brice bei den Karl-May-Festspielen
Elspe 1976 schrieb Bühnengeschichte für die Freilichtspiele
Deutschlands. Winnetou-Darsteller Pierre Brice und Schauspieler
sowie Autor Jochen Bludau, der 1968 die Geschäftsführung
der Naturbühne Elspe e.V. und dann die der Bühne
angeschlossenen Wirtschaftsbetriebe "Western Country
GmbH" übernahm, bildeten wohl gerade wegen ihrer
persönlichen Gegensätze ein Dreamteam der besonderen
Art. Diesem Dreamteam gelang es, aus den sauerländischen
Amateur-Indianern, die übermächtig erscheinende
Konkurrenz der professionellen Theaterschauspieler in der
schleswig-holsteinischen Karl-May-Metropole Bad Segeberg zunächst
zu überrunden und dann den Grundstein für den Rückzug
aus dem Amateurlager in die professionelle Unterhaltungsindustrie
zu legen. Pierre Brice sorgte während seiner 10jährigen
Zusammenarbeit als Publikumsmagnet für die höchsten
Besucherzahlen in der Geschichte des Elspe Festivals. 1000mal
zog er nicht nur Besucher aus dem Rhein-Main- und Rhein-Ruhrgebiet
- dem eigentlichen Einzugsgebiet der Freilichtbühne -
an, sondern machte Elspe auch über die Grenzen hinaus
bekannt. Der dynamische Manager Jochen Bludau, der erst 1993
seine Rolle als Old Shatterhand seinem Nachfolger übergab
und sich seit 1996 auch für die Regie diverser Inszenierungen
auf der Freilichtbühne und in der Showhalle verantwortlich
zeigt, nutzte die Besucherrekorde zum Ausbau der Naturbühne
zum größten deutschen Freizeitunternehmen Elspe
Festival (www.elspe.de).
Dabei kommt dem Allrounder sein stets zielsicheres Gespür
für die Wünsche des Publikums zugute. Im Mittelpunkt
des nunmehr ganzjährig betriebenen Elspe Festivals stehen
auch heute immer noch die im Sommer stattfindenden Karl-May-Festspiele.

2004 - 40 Jahre Karl-May-Festspiele im Sauerland
Bereits 1947 kamen begeisterte Laienschauspieler kamen auf die Idee von Freilichtheater,
aber erst 1950 wurde die Naturbühne Elspe e.V. gegründet.
Seit 1958 wurden auf dem Rübenkamp - ein steiler felsiger
Hügel mit Wacholdersträuchern - in Elspe Karl-May-Inszenierungen
aufgeführt. Doch größere Erfolge stellten
sich erst ein, als man sich 1968 auf Aktionstheater umstellte
und seit 1972 eindrucksvolle pyrotechnische Höhepunkte
einflocht: In "Unter Geiern" (1972) war es eine
Hängebrücke, die per Fernzündung auseinander
fiel. Der Bösewicht stürzte dabei auf ein vom Publikum
nicht sichtbares Sprungkissen. Ebenfalls hatte man einen großen
künstlichen Wasserfall von 16 Meter Höhe installiert,
aus dem 20.000 l Wassermassen ("Der Schatz im Silbersee")
oder 100.000 l brennendes Wasser aus einem Gemisch aus leicht
entflammbarem Benzin und Gas zusammen mit dem Mörder
Parranoh ("Winnetou II") in die Tiefe stürzen.
Das Geheimnis dahinter: ein großer Wassertank, eine
Umwälzpumpe und fünf Rohrleitungen. Ein Berg mit
der Goldader der Apachen explodiert in "Winnetou I",
bei der Santers Double aus 16 m Höhe von einem Sprungkissen
aufgefangen wird. In "Der Ölprinz" findet der
verbrecherische Ölprinz bei einem Sturz vom 18 m hohen
mit Propangas entflammbaren Ölturm den Theatertod. 
In dem Gründungsjahr der Western Country GmbH 1974 ließ
man in dem Stück "Halbblut" das erste Mal in
der Geschichte der Karl-May-Freilichtaufführungen eine
Dampflokomotive über die Bühne fahren, die einen
Indianerüberfall zu bestehen hatte. Dazu hatte man eine
kleine Gleisstrecke über die Bühne verlegt. Bei
"Im Tal des Todes" 1975 konnten die Gästen
auf dem Gelände vor der Bühne ihren Hunger in einem
großen Western-Saloon mit eignem Restaurationsbetrieb
stillen. Dieser Western-Saloon, der in Deutschland seines
gleichen sucht, ist nach wie vor nicht nur der traditionelle
Ort, an der die Premierenfeiern bei zünftigen Westernessen
und Country Musik stattfinden. Auch die Dampflokomotive fuhr
1975, allerdings mit einer größeren Gleisanlage,
nicht nur über die Bühne, sondern beförderte
vor und nach dem Spielbetrieb pfeifend Westernpublikum durch
das Gelände. Zuvor hatte man deshalb zwei Lokomotiven
und einige Waggons von der Zillertalbahn gekauft. Die unerwartet
hohen Kartenvorbestellungen 1976 für den Ölprinzen
mit Pierre Brice machten es erforderlich, den Zuschauerraum
auf 4.000 Plätze zu erweitern.
Noch machte eine Teilüberdachtung, die aus einer Holzkonstruktion bestand,
es nur den wenigsten Zuschauern möglich, auch bei Regen
die Abenteuer Old Shatterhands und Winnetous trocken zu überstehen.
Die übrigen mussten sich bis 1977 mit Regenhäuten
begnügen. Schon vor Saisonbeginn 1978 wurden über
dem gesamten Zuschauerraum eine Stahlseilkonstruktion an vier
Masten errichtet. Allerdings hatte man es zur Premiere am
3. Juni nicht geschafft, das 2800 m2 umspannende Zeltmembrandach,
das neben dem Dach im Olympiastadion München das zweitgrößte
freitragende Dach Europas ist, aufzuziehen. Um den Spielbetrieb
nicht zu gefährden, wollte man es nach Spielende fertig
stellen. Aber als bereits 20 von 28 Vorstellungen 1978 verregnet
waren, entschloss man sich kurzfristig, den Spielbetrieb für
einige Tage zur Dachaufhängung zu unterbrechen. Etwa
1,5 Mio. Euro veranschlagte die Seilkonstruktion, die die
Bühne mit Hilfe einer Landesbürgschaft selbst finanzierte.
Von nun ab standen zwar bei verbesserter Akustik nur noch
die tierischen und menschlichen Akteure im Regen, die eine
Reihe Vorkehrungen gegen die sauerländischen Wassermassen
treffen mussten: Wasserfeste Schminke, die Abdeckung der empfindlichen
Lautsprecheranlage mit Planen und Auslegung der Hauptspielfläche
auf der 80.000 m2 große Naturbühne mit wasserabstoßenden
Hartholzspänen, damit sich das Kampfgetümmel nicht
zu einer Schlammschlacht entwickelt. Mit dem ersten Gastspiel
"Der Schatz im Silbersee" in der Wiener Stadthalle
1978 erwies sich die Western Country GmbH auch als Dienstleistungsunternehmen,
die die Organisation von Freiluftspielen und Großhallenshows
in Sachen Wilder Westen übernahm. 1978 wurden die Karl-May-Festspiele
um ein Rahmenprogramm erweitert, das sich bis heute als Streetparty
und Stuntshow gehalten hat.
Da seit 1976 in jeden Jahr mehr Zuschauer kamen und damit
Massen an Bussen, Pkws oder Campingwagen sich die steile Straße
am Rübenkamp hoch quälten, musste 1979 eine neue
Zufahrtstraße, die die neuen Parkflächen problemlos
befahrbar machte, pünktlich zur Premiere "Winnetou
II" erröffnet werden. Das "Elspe Festival" führte 1982 das Computersystem "Charlie" ein, das die eingehenden Platzreservierungen
übernimmt. Später folgten viele Konzertveranstalter
und Veranstaltungsarenen sowie Bundesliga-Vereine dem Beispiel.
1989 kam ein großes Zelt für Showaufführungen,
das 1994 durch die 5 Millionen Euro teure "Elspe-Festival-Halle"
mit aufwendiger Hallentechnik - hiermit kann nicht nur ein
Sonnenuntergang, Gewitter oder ein klarer Sternenhimmel simuliert
werden, sogar echte Regenschauer - abgelöst wurde.
Untrennbar mit den Karl-May-Festspielen Elspe verbunden waren bis 1994 deren
Gastspiele in Ratingen am "Blauen See". Obwohl die
Naturbühne deutlich kleiner und deshalb die Inszenierungen
auf die örtlichen Verhältnisse angepasst werden
mussten, konnten an den jeweils zwei Septemberwochenende in
9 Vorstellungen kontinuierlich 14.000 Zuschauer gezählt
werden. Daran konnte das Gerücht 1983 auch nichts ändern,
dass die Karl-May-Festspiele eben aus technischen Gründen
vorzeitig aussteigen wollten.
Erlebnis "Film" auf der Naturbühne
Mit wenigen Dialogen und klar deutlicher Mimik über
mehrerer Handlungsstränge, aber umso mehr mit Action,
Kampfszenen, pyro-technischen Spezialeffekten und einer Prise
derber Komik, die sich oft an aktuelle Ereignisse orientierte,
wurde die Grenze zwischen Film und Theater immer stärker
verwischt. Western-Action, die sich nahtlos in die Naturkulisse
einfügte und die 200 m Breite sowie Tiefe der Bühne
ausnutzte, weniger authentische Karl-May-Romaninhalte, ist
Trumpf und wird auch kultiviert. Alle Bücher sind von
Jochen Bludau sehr frei nach den zur Verfügung stehenden
Akteuren, Aktionen, beliebten Karl-May-Filmszenen mit der
Untermalung von Martin Böttchers einprägsamer Filmmusik
und eigenen Ideen gestaltet. Lediglich die Heldenfiguren der
Wildwestromane von Karl May bleiben erhalten. Ein für
die Karl-May-Festspiele Elspe durchaus bewährtes dramaturgisches
Strickmuster: Postkutschen, handfeste Schlägereien, Pferde,
Explosionen, Eisenbahnüberfall und viel Peng Peng. Wenn
geschossen wird, sieht man den Sand aufspritzen. Ein optischer
Trick mit einer Hebebühne sorgt dafür, dass eine
Hütte langsam in sich zusammenstürzt. Ein Indianerzelt
mit Familie explodiert. Kunstglas zersplittert gefahrlos in
den Kampfszenen, Stühle aus Balsa-Holz werden zerschlagen.
Und die Geräuscheffekte dazu kommen live aus dem Regieraum.
Es wird alles aufgeboten, was Western-Freunden Spaß
macht.
Und weil man auch die Darsteller kennt? Unter den 100 Darstellern sind es die
Akteure aus der Bludau Familie: Jochen Bludau, Maria Bludau
( 1999) - auf der Bühne resolut, im Clubhaus die
Mutter des Ensembles -, Sandra Kühne oder Brigitte Mann.
Weiter geht es mit: Meinolf Pape als fehlgeleiteter Indianer-häuptling
oder Bösewicht, Peter Hüttemeister ( 1999)
als begnadeter Pyrotechniker, Bösewicht und Komiker,
Heinrich Greve als Sam Hawkens, aber auch Rolf Schauerte und
Georg Berghoff oder Wolfgang Kirchhoff als Techniker, Gastronom
und Schauspieler. Die Regie übernahm von 1973 bis 1992
zusammen mit seiner Assistentin Sabine Hillman Karl-Heinz
Walther, der bis 1995 fast 30 Jahre die Leitung des Grenzlandtheaters
Aachens inne hatte.
Pferde, mehr Pferde, noch mehr Pferde
Arbeitet man die Zeitungsausschnitte von 1976 bis 1986 durch,
so fällt auf, dass mit dem Erfolg der Karl-May-Festspiele
Elspe die Anzahl der bühneneigenen Pferde zunahm. 1977
mussten die Ställe erweitert werden und 1986 kam eine
überdachte Reithalle dazu, in der die Pferde auch im
Winter schon trainiert und ausgebildet wurden. Die Bühne
hat eigene Trainer wie Meinolf Pape, der seit 1970 dem Elsper
Ensemble angehört, die auf Pferde oder Stunts spezialisiert
sind. Diese bilden auch aus, obwohl auch ausgebildete externe
Stuntleute und Trickreiter engagiert werden. Für die
wichtigsten Akteure gibt es Konditions- und Bühnentraining
für die harten Showkämpfe, die wilden Ritte auf
sattellosen Pferden und den gefährlichen Stürzen
in die Tiefe. Anregungen holte man sich aus München,
Paris und den Universal Studios in Hollywood. Weitere festangestellte
Mitarbeiter sorgen das ganze Jahr über für die Betreuung
der Anlage und der gastronomischen Einrichtungen. Auch der
Fuhrpark entspricht der Dimension eines Industriebetriebs:
Neben einer vier- und sechsspännige Postkutsche, Karren,
Planwagen und zwei Eisenbahnen findet man Lkws, Bagger, Traktoren,
Gabelstapler und ein Feuerwehrauto.
Bereits im Oktober beginnt wegen der Busreiseveranstalter die neue Saison.
April und Mai sind die Probemonate. An den Arbeitstagen beginnen
die Proben in der Regel nach 17.00 Uhr, da der Großteil
der Darsteller ihrer regulären Arbeit nachgeht. Am Wochenenden
wird ganztägig nach Bedarf geprobt. In der Regel werden
pro Saison an die 100 Vorstellungen angeboten. War das Spielgelände
bis 1976 außerhalb der Vorstellungen noch für jedermann
frei zugänglich und veranstalte man noch Autogrammstunden
mit Pierre Brice am Clubhaus, so änderte sich dieses
1977. Das Gelände wurde auch aus versicherungs-technischen
Gründen mit einem Maschendrahtzaun umrundet, so dass
es gegen unbefugtes Zutreten besonders während der Vorstellungen
gesichert war. Im Clubhaus hielten sich die Darsteller zwischen
den Spielen auf, das Clubhaus ist Garderobe, Aufenthaltsraum
und Vereinshaus zugleich. Ein Wohnwagen diente Pierre Brice
als Garderobe. Später wurde dann für die Zerstreuung
der Mitarbeiter ein Tennisplatz und Swimmingpool, an dem man
sich an den wenigen schönen Tagen im Sauerland einen
ordentlichen Sonnenbrand holen kann, errichtet.
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