Winnetou im wilden OstenAuslösendes Moment der Karl-May-Welle in der DDR war die Aufhebung des Verbotes, die Reiseerzählungen des sächsischen "Lügenboldes" zu veröffentlichen und gar zu lesen. Papierknappheit wurde in der DDR als offizieller Grund angegeben, warum May Werke in der DDR nicht mehr gedruckt wurden. "Ein Schriftsteller,
der stets für den Frieden und die Toleranz zwischen den
Völkern eingetreten ist", so wurde er dann von 1982
an gesehen und die ersten Bände der seiner bekanntesten
Reiseerzählungen wurden vom Ostberliner Verlag verlegt.
Der Rummel um Karl May entlockte dem DDR-Fernsehen sogar die
Eigenproduktion "Ich habe Winnetou begraben" über
sein Leben und Werk. Die DDR entdeckte so Karl May und seinen
Indianerhelden Winnetou neu. Weihnachten 1982 flimmerten dann
die Winnetou-Triologie und "Der Schatz im Silbersee"
über die DDR-Bildschirme - mit Einschaltquoten, wie sie
das Ostfernsehen sonst kaum erlebt hat. Der Häuptling
der Apachen hatte eine so große Publikumwirkung, dass
"Winnetou" als Vorname beliebt wurde und sich das
DDR-Fernsehen spontan zum Ankauf der Fernsehserie "Mein
Freund Winnetou" entschloss. Sie lief dann vom 15. Juli
bis 26. August 1983 über die ostdeutschen Bildschirme
und wurde im Mai 1986 wiederholt. "Die Supermänner Karl Mayscher Prägung à la Old Shatter-, Sure- und Firehand und natürlich Winnetou
haben sich nun auch in unsere Kinos eingeschrieben."
schrieb die DDR-Zeitung "Leipziger Volkszeitung"
zum Kinostart der Wildwest-Streifen "Ölprinz"
und "Old Surehand" im Sommer 1983. Das dazu vom
Progress-Filmverleih, die Filmvertriebsgesellschaft der DDR,
veröffentlichte Filmprogramm zu "Surehand"
war schnell vergriffen. In dem gleichen Zeitraum und zwar
von 1983 bis 1986 mit zuletzt "Winnetou III" liefen
bis auf "Winnetou und Old Shatterhand im Tal der Toten",
"Old Firehand" und "Old Shatterhand" die
Karl-May-Filme in den Kinos der DDR immer wieder an. Unbemerkt
von der BRD erlebte Tschechien 1985 durch die Wiederaufführung
von "Winnetou I" seine zweite große Karl-May-Film-Welle.
Gleichzeitig begeisterte Winnetou im September und Oktober
in Polen durch die Fernsehserie "Mein Freund Winnetou"
sein treues Publikum. Dass Pierre Brice in Tschechien sein
treues Publikum nicht vergaß, bewies er bereits 1968,
als er Gast der Filmfestspiele Karlsbad war. Aber erst am
5. Juli 1984 erhielten Reporter und ein Dolmetscher für
ein Exklusivinterview mit dem Winnetou-Darsteller die Ausreiseerlaubnis
aus der CSSR. Pierre Brice, der in der DDR eigentlich schon ein treues
Publikum durch die Spielfilme "Zorro gegen Maciste",
"Die Bacchantinnen", "Kampf der Titanen gegen
Rom", "Unschuld im Kreuzverhör" und "Robin
Hood in der Stadt des Todes" hatte, avancierte dadurch
in nur sechs Monaten zum Publikumsliebling Nr. 1. Auf dem
alljährlichen Solidaritätsfest der Berliner Journalisten
auf dem Alexanderplatz im August 1983 entwickelte sich am
Stand der größten ostdeutschen Fernsehzeitung "FF
dabei" ein Run auf ein großformatiges Farbposter
mit Pierre Brice als Winnetou. Denn Informationsmaterial über
die Karl-May-Filme war knapp.
Auf der westdeutschen Seite blieb die Wiederentdeckung nicht unbemerkt. Anlässlich
eines Karl-May-Themenabend zum 75. Todestag von Karl-May durfte
der Süddeutsche Rundfunk 1987 als erstes westdeutsches
Fernsehteam die Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal
filmen. Winnetou Pierre Brice besuchte im Juli 1988 erstmals
die Heimat seines geistigen Vaters Karl May. Denn zwischen
dem sächsische Radebeul, den Karl-May-Festspielen Bad
Segeberg und den Landesbühnen Sachsen unter Intendant
Herbert Graedtke besteht ein Austausch. In Rathen stehen Ost-Winnetou
Jürgen Haase und West-Winnetou Pierre Brice gemeinsam
auf der Bühne. Die Ende August veröffentlichte,
zwei Seiten umfassende Reportage mit farbigen Fotos in der
führenden DDR-Illustrierten "Neue Berliner Illustrierte"
krönte eine fast fünf Wochen währende Periode,
in der fast alle Massenmedien der DDR von diesem Vierteljahrhundert-Ereignis
Notiz genommen hatten. Die deutsch-deutsche Karl-May-Freundschaft
zwischen Bad Segeberg und den Landesbühnen trug Früchte:
im August 1989 besuchte Winnetou-Darsteller Jürgen Haase,
in Rathen in "Winnetou I" auf der Bühne stehend,
einer persönlichen Einladung von Pierre Brice folgend
den "Schatz im Silbersee" in Bad Segeberg.
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