Ist es für Winnetou immer die richtige Zeit?
04. Februar 1982: Das May'sche Epos um die schicksal-hafte Begegnung zwischen Old Shatterhand und Winnetou erlebte als
Action- und Musikspektakel auf einer Sandaufschüttung
in der zum "Wilden Westen" umfunktionierten nur
noch 7000 Zuschauer umfassenden Dortmunder Westfalen seine
Uraufführung. Das ungewöhnlichste Karl-May-Projekt,
das letztlich an schlechter Organisation und Selbstüberschätzung
scheitern sollte, entwickelte sich aus der Idee heraus, anstatt
auf der Bühne nur 3 Monate ganze 12 Monate in einem 50
m x 40 m Zirkuszelt Karl May zu spielen. Der 30jährige
Unternehmer und Produzent Peter Stenzel - Sohn der Münchner
Agentin Ruth Killer - gewann als erste Station die Dortmunder
Westfalenhalle für ein 14tägiges Gastspiel.
 "Winnetou" glich in seinem Handlungsablauf dem
bereits aus Buch, Film und Fernsehen bekannten Stoff aus der
May'schen Winnetou-Triologie, der von Peter Bruno alias Peter
Stenzel auf Showformat umgeschrieben wurde. Stark abgewandelt
war das Gottesurteil, dem sich Old Shatterhand alias Rüdiger
Bahr ("Lockruf des Goldes") unterwerfen musste.
Hier rangen durch eine bronzene Kette aneinandergebunden Old
Shatterhand und Winnetou um Leben und Tod bis diese überraschend
zerbirscht.
Der deutsche Schlagerkomponist Ralph Siegel lieferte die
Musik zu "Winnetou". Für Ralph Siegel war es
sein erstes größeres musikalisches Werk. Mit einem
philharmonischen Orchester von 100 Mann und 60 Chorsängern
wurde in einem Münchner Studio das Musikband im Disco-Sound
eingespielt, das während der Vorstellungen als Playback
eingespielt wurde und als Schallplatte erhältlich war.
Lediglich Nscho-tschi alias Neuentdeckung Claudia Condor,
die den Feind ihres Bruders liebt und den Verlust ihres Bruders
fürchtet, sang ihre drei Schlager ("Manitou"
- "Das Lied für den Frieden"), welche von Bernd
Meinunger getextet wurden, live.
 2 Jahre sollte das Musik- und Actionschauspiel "Winnetou" auf Tournee gehen. Freiburg, Karlsruhe, Kassel, Luxemburg,
Augsburg sollten Stationen der insgesamt 25 Städte sein,
durch die "Winnetou" in einem Zirkuszelt, dass der
Zirkus Busch-Roland zur Verfügung stellte, touren sollte.
Mit einem Sonderzug der Deutschen Bundesbahn, der 40 Wagon
umfassen, sollte das transportable "Schauspielhaus"
durch Deutschland rollen. Doch die Vorschußlorbeeren,
mit denen Produzent Peter Stenzel seine Unternehmung bedachte,
waren schnell dahingewelkt. Vier Wochen nach der Uraufführung
in der Dortmunder Westfalen kam es um 12.00 Uhr mittags am
0.1 März 1982 in Wuppertal zum endgültigen "Aus"
für das ehrgeizige Projekt. 14 Tage später meldete
Peter Stenzel mit seiner Internationalen Medienproduktion
offiziell Konkurs an.
Der wohl wichtigste Grund: Die Zuschauer kamen nicht so willig
wie geplant. Fehlende Action, fehlende Zusammenhänge
in der Handlung, zerrissene Szenen mit langatmigen Passagen,
wenig einfallsreiche Dialoge und zu ausgedehnte Musikeinlagen
projezierten Pierre Brice in seiner Rolle "Winnetou"
in einen ungewohnten Rahmen. Eine traurige Zuschauerbilanz
war die Folge: Statt 100.000 erwarteten Zuschauern sahen sich
nur 30.666 zahlende Besucher die Produktion in der Dortmunder
Westfalenhalle an. Die 6.000 Zuschauer umfassenden Ränge
wurden in dem 10tägigen Gastspiel von durchschnittlich
1.200 Besuchern bevölkert. Am 18. Februar begannen die
Proben auf der Wuppertaler Festwiese unter der Kuppel des
Zirkuszeltes von Busch Roland. Zur Premiere am 20. Februar
füllte sich das Zirkuszelt in der Carnaperstraße
mit 1.300 Zuschauern, durchschnittlich spielt man darauffolgend
vor 400 Zuschauer. Während der Karneval in Wuppertal
tobte, ritt Winnetou fast mit 100 bis 200 Zuschauern fast
vor leerem Haus.
 Unstimmigkeiten zwischen Pierre Brice, Regisseur Dick Price,
der schon mit Stars wie Sammy Davis jr., Hildegard Knef oder
Curd Jürgens zusammengearbeitet hatte, dem Ensemble und
Peter Stenzel. Dick Price versuchte bereits frühzeitig
vergeblich, das fade Drehbuch mit gewagten Actionszenen aufzupolieren.
Pierre Brice übernahm einige Textpassagen aus seiner
Eigenproduktion "Winnetou, der Apache". Doch schlug
Stenzel dies durch sein Bestehen auf seinen Urheberrechten
aus, reiste nach der Premiere in Dortmund ab und meldete sich
nur noch telefonisch. Weiterer Streitpunkt bildete das von
Klaus Ulrich Jacob geschaffene Bühnenbild, dessen leichte
Konstruktion den Sicherheitsvorschriften nicht immer entsprach.
Pierre Brice: "Wenn ich mit meinem Pferd den Felsen herunterritt,
knackten die Holzverstrebungen des Bühnenaufbaus bedenklich."
Während in Dortmund noch großformatige Plakate aufgehängt wurden,
traf das Ensemble von 50 Mann mit Pierre Brice am 1. Februar
ein. Vorausgegangen waren vierwöchige Proben in Garmisch-Patenkirchen
und den Münchner Bavaria-Studios. Kurzfristig wurde das
80 m lange und 16 m hohe Bühnenpanorama aus Sperrholz
und Styropor aufgebaut und mit 30 LKW-Ladungen Sand aufgefüllt.
Schon die letzten Vorbereitungen zur Uraufführung standen
unter einem ungünstigen Stern. Bösewicht Santer
alias Thomas Wenske stürzte während der Generalprobe
so unglücklich von dem 16 m hohen Pappfelsen, dass seine
Rolle kurzfristig umbesetzt werden musste. Unerwartet erkrankten
die Pferde "Juanito" und "El Cid" von
Pierre Brice. Kurzfristig sprang "Crow" für
seine Pferdekollegen ein. Pierre Brice langjähriger Begleiter
"Juanito" erholte sich aber von seiner Erkrankung
an der Speiseröhre leider nicht mehr. Ende Februar musste
er auf dem Gut von Mario Luraschi von seinen Leiden erlöst
werden. Mit 30 Minuten Verzögerung brachten wild galoppierende
Reiter, die pyrotechnischen Effekte von dem aus vielen Karl-May-Filmen
bekannten Pyrotechniker Erwin Lange, freilaufende Bären
und 20 Pferde Karl-May-Romantik in die Westfalenhalle - untermalt
von der Musik von Ralph Siegel. Und Pannen überall: Abgesehen
von den üblichen Ladehemmungen einiger Gewehre, zündete
der Indianer Mescalero seine Fackeln mit Hilfe eines neuzeitlichen
Feuerzeuges an, Klekih-Petra starb schon vor dem tödlichen
Schuß; die styroporleichten Felsbrocken waren den heftigen
Kämpfen nicht immer gewachsen und ein Kundschafter übersah
die Kulissen. Weniger glimpflich kam Pierre Brice davon. Er
verstauchte sich derart den Knöchel, dass er nur unter
Schmerzen die Premierenvorstellung hinter sich brachte und
am nächsten Tag die Vorstellungen abgesagt werden mussten.

Doch auch der festliche Rahmen der Premierenfeier in der
"Bierschwemme" mit ihren prominenten Ehrengästen
Karin Dor, Chris Roberts, Gavin Du Porter, Ireen Sheer, Philipp
Gunther oder Günther Strack und die heiße Schlacht
am kalten Büffet bei Hummer, Kaviar, raffinierten Salaten
und aufwendigen Süßspeisen ("Silberbüchse"
aus Marzipan) beruhigten das Ensemble nicht. Zwei Tage früher
als geplant brach man das Gastspiel in der Dortmunder Westfalenhalle
ab, da der Auf- und Abbau der Dekoration mehr Zeit in Anspruch
nahm und Schwierigkeiten bei der Umstellung auf die Spielfläche
im Zirkuszelt auftauchten. Von 16 m auf 6 m musste die Höhe
der Kulissen herabgesetzt werden. Die Zirkusmanege war zu
klein, so dass man die Pferde nicht ausgaloppieren konnte
und auf viele Reiterstunts verzichten musste. Ein Starkregen
verwandelte den Aktionsplatz von Winnetou und Old Shatterhand
in eine Schlammwüste. Zu allem Unglück zerfetzte
eine Sturmböe am 1. März noch die Zeltkuppel. Nach
der Abreise des Bärenführers mit seinen zwei Bären
verkürzte sich die Spieldauer von 2 Stunden auf 1 Stunde
und 15 Minuten. An seinen Vertrag gebunden und aus Solidarität mit seinen
Kollegen spielte Pierre Brice bis zuletzt weiter. Mit der
Unterstützung seines Dortmunder Rechtsanwaltes legte
er Peter Stenzel eine 10-Punkte-Forderung vor, die u.a. Änderungen
an der Regie, am Drehbuch, an den Verträgen seiner Mitspieler
und den Eintrittspreisen vorsah. Darauf kam keine Antwort.
Die technischen Probleme und die ausbleibenden Gagen verstärkten
die Unruhe unter den Schauspieler. Die Akteure stellten daraufhin
bis zum 1. März 1982 um 12.00 Uhr ein Ultimatum. Absender
waren die französischen Cascadeure, die Tontechnikerfirma
Pan GmbH, der Pyrotechniker Peter Rotten und Dick Price mit
ihren nicht beglichenen Forderungen. Mit Ablauf dieses Ultimatums
standen sie nicht mehr zur Verfügung. Am vorletzten Spieltag
- 27. Februar 1982 - lud Peter Stenzel den Geschäftsführer
Heinrich Geier von Busch-Roland, bei dem der Münchner
schon mit 150.000,- Euro in der Kreide stand, zu einer Krisensitzung
nach Karlsruhe ein. Stenzel gestand seine Zahlungsunfähigkeit
und schlug eine Notgemeinschaft zwischen ihm und dem Ensemble
vor, bei der er allerdings nicht auf seine Urheberrechte als
Autor, Komponist und Verlag von "Winnetou" verzichten
wollte. Der Pferdefuß, an dem die Einigung mit den Schauspielern
scheiterte. Um 12.00 Uhr am 1. März platzt die Show (Winnetou
gerät unter die Geier, Pleitegeier holte Winnetou vom
Pferd), die Cascadeure und Tontechniker reisten ab. Zirkusunternehmer
Geier erklärte sich mit Pierre Brice und den 50 Akteuren
solidarisch und bot für drei Benefiz-Veranstaltungen
sein Zelt dem Ensemble an. Denn manche Schauspieler sahen
sich finanziell nicht mehr in der Lage, die anstehende Hotelrechnung
zu begleichen. Auch die Futterkosten für die Pferde waren
noch nicht beglichen. Seit Ende Februar waren Peter Stenzel
und seine Mutter, die Künstleragentin Ruth Killer nicht
mehr zu erreichen.
Jungtalent Claudia Condor erfuhr im St.-Petrus-Hospital in
Wuppertal von der Pleite. Sie stürzte kurz vor Torschluss
sehr unglücklich von der Kulisse und erlitt so starke
Verletzungen, dass sie durch ein Double mit Playback ersetzt
werden musste.
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